Anlässlich des 25-jährigen Bestehens vom Schulträger TÜDESB plante der Bildungsanbieter eine Jubiläumsfeier. Doch dann kam die Corona-Pandemie auch in Deutschland an; die Veranstaltung musste abgesagt werden. Damit die Feier nicht ganz untergeht, sprachen wir mit dem Vereinsvorsitzenden Irfan Kumru über die Entwicklung des Trägervereins und darüber, was für Feierlichkeiten ursprünglich geplant waren.

Redaktion: TÜDESB ist 1994 gegründet worden und weist eine Geschichte von 25 Jahren auf. Das Jubiläumsjahr können Sie wegen der Corona-Krise nicht begehen. Was hätte alles stattgefunden, wenn die Pandemie die Umsetzung nicht unmöglich gemacht hätte?

Das Jubiläumsprogramm stand inhaltlich fest und wir hatten bereits Einladungen verschickt gehabt. Wir wollten im Rahmen der Jubiläumsfeier uns an die enorme Leistung der Gründerväter des Vereins erinnern und ihre Weitsicht würdigen. Weiterhin war im Rahmen der Jubiläumsfeier vorgesehen, wichtige Meilensteine der 25-jährigen Geschichte von TÜDESB nochmal in Erinnerung zu rufen. Zudem wollten wir mit einer Podiumsdiskussion die bildungspolitische Rolle von Schulen in privater Trägerschaft aufgreifen.

Redaktion: All das konnte leider nicht stattfinden. Daher wollten wir mit Ihnen ein Interview führen, damit die Feier nicht ganz untergeht. Fangen wir mit den Gründervätern an. Wer waren sie und was hat sie motiviert, den Verein zu gründen?

Sie waren bildungsorientierte Immigranten der ersten und zweiten Einwanderergeneration aus der Türkei und hatten teilweise auch einen Bezug zu der Hizmet-Bewegung: Einfache Arbeiter, Studenten und auch einige wenige Akademiker befanden sich darunter. Heute würde man sagen „Berliner Türken”. Sie gründeten den Verein in einer Zeit, in der die überwiegende Mehrheit der Einwanderer noch an die Rückkehr in ihr Herkunftsland dachte. Die Bildung war für die Mehrheit von Ihnen nicht von großer Bedeutung, sie waren bildungsfern. Die Weitsicht der Gründerväter, unter denen sich natürlich auch Gründermütter befanden, lag darin, dass sie sich als ein Teil dieser Gesellschaft gesehen haben. Außerdem betrachteten sie die schulische Bildungsförderung für ihre eigenen Kinder als auch für Kinder aus ihrem Umfeld als eine wichtige Aufgabe. Heutzutage mag das nichts ungewöhnliches sein. Aber damals kam dieser Ansatz in der türkischen Community einem Paradigmenwechsel gleich: Nicht Religion und Herkunftsland, sondern Bildung und die neue Heimat galten fortan als Basis des sozialen Engagements!

Redaktion: Sind einige der Gründungsmitglieder immer noch im Verein aktiv?

Ja, natürlich. Sie sind nicht nur Mitglieder des Vereins, sondern besetzen im Vorstand und anderen Gremien wichtige Positionen. Zu ihnen zählen unsere Vorstandsmitglieder Kamil Kan und Mustafa Sahin. Bei dieser Gelegenheit möchte ich für diese wichtige Pionierleistung ein Dank an die Gründungsmitglieder, an den aktuellen Vorstand, an die Vereinsmitgliedern sowie an alle, die in dieser schwierigen Gründungszeit mit Einsatz und Spenden den Verein unterstützt haben, aussprechen. Sie alle haben in schwierigen Zeiten sehr wertvolles für TÜDESB geleistet, indem Sie standhaft und eifrig weiter gemacht haben.

Redaktion: In den ersten Jahren arbeitete der Verein eher als eine ehrenamtliche Selbsthilfeinitiative, nicht als ein Bildungsträger mit Schulen und KITAS, was er heute ist. Wie erfolgte die Öffnung?

TÜDESB hat eine Marktlücke entdeckt, da seinerzeit ein großer Bedarf an Nachhilfe für türkische Arbeiterkinder bestand. Der Verein hatte bereits innerhalb der ersten zehn Jahre nach seiner Gründung in den sogenannten sozialen Brennpunkten Berlins Nachhilfezentren gegründet. Da dauerte es auch nicht lange, bis berlinweit jedes Jahr bis zu 1.000 Kinder betreut wurden. So hat sie unzähligen Arbeiterkindern über einen besseren Zugang zu Bildung den sozialen Aufstieg ermöglicht. Das war damals und ist auch heute noch unser Auftrag: Chancengleichheit durch Bildungsförderung.

Redaktion: Heute wirkt TÜDESB in vielen Bereichen der Bildung und Kultur mit. Mit der Tochtergesellschaft IBEB gGmbH verwalten Sie vier Schulen und fünf Kindergärten. Eine große, weitere Kindertagesstätten befindet sich derzeit im Bau. Wie begann die Entwicklung zu einem mittelständischen Bildungsträger mit knapp 300 Mitarbeitern aus den verschiedensten
Kulturen?

Tatsächlich steht Tüdesb heute für eine Philosophie der Vielfalt. Natürlich gehört dazu auch die kulturelle Vielfalt. Wir sind Mitveranstalter des weltweiten Kulturfestivals IFLC – Colours of the World, Partner bei dem deutschlandweiten Mathematikwettbewerb Pangea und haben mit dem Schülerkongress ein eigenes bundesweites Konzept für SchülerInnen entwickelt. Es gibt SchülerInnen der Klassen fünf bis zehn die Möglichkeit, demokratische Spielregeln praxisorientiert zu üben.

Redaktion: Neben der kulturellen Vielfalt steht Tüdesb auch für eine Vielfalt an Bildungsangeboten.

Das ist richtig. Jedes Kind ist einzigartig, benötigt Förderung, muss aber auch gefordert werden. Mit den Bildungsangeboten auf dem eigenen Campus hier in Spandau und der Zweigstelle in Adlershof ist uns dies gelungen. Diese Grundlage bildet für uns die Basis für unsere zukünftige Arbeit. Dazu gehört auch die Partnerschaft mit dem interreligiösen Friedensprojekt House of One. Wir sind in unserem 25. Jubiläumsjahr mit House of One diese Partnerschaft eingegangen, weil wir die wertvolle Friedensarbeit dieses weltweit einzigartigen Projektes unterstützen möchten. Gleichzeitig sehen wir aber auch die Förderung des gesellschaftlichen Friedens über nationale, religiöse und kulturelle Grenzen hinweg als unsere wichtige Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe an.

Redaktion: Wer waren in diesen 25 Jahren wichtige Wegbegleiter aus der Politik?

Wir hatten in dieser Zeit sehr viele Besucher aus allen Ebenen der Politik. Es ist uns gelungen, die politischen Entscheidungsträger von unserem Engagement für Bildung zu überzeugen. Und das über Parteigrenzen hinweg. Mit der Unterstützung unseres Spandauer Bürgermeisters Helmut Kleebank haben wir das jährliche Nachbarschaftsfest organisiert. Seine Schirmherrschaft ermöglichte es, dass die Feier mit Weihnachtsfest-Charakter viel Zuspruch fand. Die Spandauer Bundestagsabgeordneten Kai Wegner und Sven Schulz wirkten bei wichtigen Projekten, wie beispielsweise dem Schülerkongress mit oder folgten unserer Einladung, Reden bei wichtigen Veranstaltungen zu halten. Unserem Stadtrat Gerhard Hanke möchte ich ganz besonders für seine Unterstützung unseres Projektes „Schülerkongress” danken. Mit seiner Hilfe konnten wir den letzten Schülerkongress in der geschichtsträchtigen Zitadelle Spandau durchführen.

Redaktion: Eine besonder Rolle in der Vereinsgeschichte spielt Frau Barbara John.

Ja, Frau John fühlen wir uns besonders verbunden. Im Gründungsjahr des Vereins, also 1994, war sie noch die Ausländerbeauftragte von Berlin. Vom ersten Tag an stand sie uns als Mutgeberin, Beraterin und Wegbereiterin zur Seite. Der Fraktionsvorsitzender der SPD im Abgeordnetenhaus, Herr Raed Saleh, hat bei unserer ersten Abiturverleihung die Vergabe der Auszeichnungen für unsere Schülerinnen und Schüler übernommen. Der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat unseren Campus im Jahre 2011 besucht und uns in unserem Einsatz für die Bildung ermutigt. Auch der gegenwärtige Regierender Bürgermeister Michael Müller hat uns damals als Berliner SPD-Vorsitzender besucht. Im August 2016 hat uns Bettina Jarasch, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, zu einer Zeit besucht, wo wir Anfeindungen seitens der türkischen Regierung ausgesetzt waren.Dabei hat sie eine erste Klasse eingeführt und den beunruhigten Eltern gesagt: „Ihr braucht keine Angst zu haben. Das hier ist eine deutsche Schule in Deutschland. Diese Schule kann von niemandem aus dem Ausland geschlossen werden.“

Redaktion: Wieso sind Ihnen diese Gespräche so wichtig?

Die Begegnungen mit politischen Entscheidungsträgern gibt uns nicht nur die Möglichkeit, unsere Arbeit vorzustellen, sondern auch die Gewissheit, dass wir mit unserer Arbeit auf dem richtigen Weg sind. Denn von ihnen erhalten wir durchweg große Zustimmung und Ermutigung.
All Ihnen gilt mein besonderer Dank.